Rückblende | eBook Award Gewinner Andreas Huber im Interview

Vedat Demirdöven Die Verleihung des ersten Deutschen eBook Award, bei dem du für dein Lehrbuch „Physik 7“ ausgezeichnet wurdest, ist jetzt schon zwei Jahre her. Wie blickst du heute auf die damaligen Ereignisse zurück? 15297853509_061fe3ae38_z

 Andreas Huber 2014 war eine Premiere — in zweierlei Hinsicht: Einerseits wurde ja der eBook Award zum ersten Mal verliehen, andererseits war es für mich auch das erste Mal eine derartige Atmosphäre, wie sie auf der der Frankfurter Buchmesse herrscht, miterleben zu dürfen. Sicherlich scheint es für einen damals 17-jährigen spannendere Events zu geben, jedoch war es für mich ein einmaliges Erlebnis, an das ich mich gerne und oft — wenn ich etwa an meinen Büchern arbeite — zurückerinnere.

Dass ich mich für den eBook Award beworben habe, war ja eher ein Zufall, schließlich hast DU mich ja darauf aufmerksam gemacht, nachdem du von mir in einem Interview auf buchreport gehört hast. Da es kurz vor Bewerbungsschluss war, habe ich kurzerhand beschlossen, mich zu bewerben; umso überraschter war ich dann, als ich von meiner Nominierung erfuhr. Weil ich damals noch Schüler war, musste ich dann eine Unterrichtsbefreiung beantragen, da die Preisverleihung während der Schulzeit stattfand und ich auch noch anreisen musste — vermutlich ist das auch einmalig, dass sich eine Jury mit so etwas beschäftigen muss. IMGP1534

Die Verleihung war dann natürlich das große Highlight — denn wer kann schon behaupten, einen Preis auf der weltweit bekannten Frankfurter Buchmesse entgegengenommen zu haben? Mit dem eBook Award wurden ein Preis geschaffen, welcher neue Ansätze bei der Gestaltung digitaler Bücher würdigt, und eine Plattform, die die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit auf sich zieht.

VD (lacht) Ja, an deinen Direktor gerichtet Schulbefreiung erinnere ich mich noch zu gut, macht man auch nicht jeden Tag. Aber erzähl doch weiter – welche Auswirkungen hatte die von dir eben erwähnte öffentliche Aufmerksamkeit und welche Möglichkeiten ergaben sich daraus?

AH Die starke Berichterstattung rund um den Award in diversen Zeitungen und Nachrichtenseiten machte meine Bücher natürlich deutlich bekannter. Sonst verweilen digitale Bücher ja oft in ihrem Nischendasein. Durch den Award konnte gezeigt werden, dass das digitale Format einen deutlichen Mehrwert bietet — in meinem Fall war es ein interaktives Lehrbuch. Huber-Physik

Die neue Popularität ließ natürlich die Download-Zahlen ansteigen, was auch durch die prominente Platzierung auf der Startseite im iBooks Store unterstützt wurde. Hinzu kamen in den nächsten Wochen noch einige Interviews. Was mich total überrascht hatte, war und sind die zahlreichen Mails von Lesern meiner Bücher — egal, ob Fragen, Lob oder Hinweise auf kleinere Fehler. Geschichten, wie etwa die eines 80-jährigen, der mit seinem Enkelkind mit meinem Lehrbuch lernt, sind es, die am Ende des Tages zählen — so etwas können Zahlen alleine nicht ausdrücken. Dadurch erkannte ich, dass das Lesen von digitalen Büchern auch die Beziehung zwischen Leser und Autor verändert. Die Leute lesen mit den Geräten, mit denen sie auch sonst mit der Welt um sich kommunizieren. So ist es ihnen auch möglich, schneller mit Autoren in Kontakt zu treten, wovon beide Seiten profitieren können — ich in meinem Fall bei der Weiterentwicklung meiner Bücher.

Ein weiterer Höhepunkt war dann letztes Jahr das von Apple organisierte Event „Vom Abiturienten zum Autor“ bei Apple Kurfürstendamm. Ebenfalls war es äußerst spannend, als Jurymitglied beim letztjährigen Award mitwirken zu dürfen.

VD Als Jurymitglied hast du ja auch die Einreichungen bewertet. Was macht denn für dich ein richtig gutes eBook aus?

AH Zunächst mal ist ein eBook unabhängig von seinem Format gut (oder schlecht). Meines Erachtens geht es bei der Lektüre eines Buches um ein Erlebnis. Und wenn ein großartiges und mitreißendes Erlebnis erschaffen wird, ist es egal, auf welchem Format es aufbaut ist; das dürfte den Endkonsumenten wohl kaum interessieren. Daher ist auch die Lösung des eBook Awards von Formaten sinnvoll und begrüßenswert. Was ein gutes eBook ausmacht ist schwer zu sagen, da bei jedem Anwendungsfall unterschiedliche Aspekte zu berücksichtigen und zu gewichten sind. Für mich persönlich muss ein eBook entscheidende Vorteile gegenüber der normalen Printversion haben; eine reine Digitalisierung reicht nicht aus; es gäbe keine Rechtfertigung für seine Existenz und Leser würden nicht ihr Kaufverhalten verändern und zu digitalen Büchern wechseln. Das gern gewählte Argument mit tausenden Büchern in der Tasche ist meines Erachtens sehr vage; denn wer braucht schon tausend Bücher, wenn er unterwegs ist?

Auch wenn das SAMR-Modell von Puentedura im Bildungsbereich seine Anwendung findet, so kann man es meiner Meinung nach auch gut auf Bücher und eBooks übertragen: Auf der untersten Ebene ist die „Ersetzung“ (Substitution); hier wird Analoges durch Digitales ersetzt: ein konventionelles Buch aus Papier wird etwa zu einem einfachen ePub oder PDF. Zu einer Verbesserung kommt es auf Ebene zwei, welche als „Erweiterung“ (Augmentation) bezeichnet wird: Hier spielt die Integration von Technologie eine Rolle; der Inhalt kann durch Multimedia, wie etwa Bilder-Galerien, Videos und Audio, erweitert und angereichert werden. Auf der nächsten Ebene kommt es bereits zur „Umgestaltung“ (Modification). Das Buch wird so umgestaltet, dass die neuen, durch Technologie geschaffenen Vorzüge vom Leser ausdrücklich genutzt werden müssen, um den ganzen Inhalt des Buches zu verstehen. Den nächsten Schritt geht man auf der vierten Ebene, der sogenannten „Neubelegung“ (Redefinition). Mögliche Anwendungsszenarien wären hier im Bereich „Storytelling“, wenn Leser förmlich in die Geschichte eintauchen und diese sogar beeinflussen können.

Natürlich ist es unsinnig, ein Buch pauschal für die oberste Ebene aufzubereiten, da es auch vom jeweiligen Inhalt, also der Geschichte, abhängt. Um aber Leute, die man bisher nicht vom Wechsel auf eBooks überzeugen konnte, gewinnen zu können, sollte sich ein eBook, das ein „Game Changer“ sein will, meiner Meinung nach mindestens zwischen Ebene zwei und drei bewegen. Zudem will ich an dieser Stelle noch hervorheben, dass letztes Jahr bereits zwei großartige Lehrbücher für den eBook Award nominiert waren: Die „Geschichte der USA I“ und das „mBook“, welches dann den Award gewonnen hat. Zusammen mit dem Sieg meines Lehrbuchs „Physik 7“ im Jahr davor zeigt dies eindeutig das unglaubliches Potential für das eBook im Bildungsbereich und die Innovationskraft, welche gerade von Nicht-Schulbuchverlagen ausgeht.

VD Du hast dieses Jahr mit dem Abitur deine Schulzeit beendet. Wie geht es weiter?

AH Wegen der Oberstufe bin ich ja nach „Physik 7“ etwas kürzer getreten. So habe ich letztes Jahr lediglich Updates für meine bisherigen Lehrbücher veröffentlicht. Deshalb freue ich mich, dieses Jahr am 12. September Neues ankündigen zu dürfen, woran ich schon etwas während der Abiturzeit und vor allem in den letzten Wochen und Monaten gearbeitet habe; es handelt sich dabei um eine kleine Herzensangelegenheit, beruht auf meinen Erfahrungen in den letzten beiden Jahren und soll Schülern mit einem der meist gefürchteten Fächer helfen. Im Oktober starte ich dann an der Ludwig-Maximilians-Universität in München mit meinem Psychologie-Studium und neuen Herausforderungen.

VD Ich danke dir für dieses Gespräch und einen guten Start an der Uni.