Laudatio Verena Bentele – Sonderpreis für Barrierefreiheit

 

 

Meine sehr verehrten Damen und Herren,

liebe Gäste des Deutschen eBook Awards,

liebe Jury und liebes Organisations-Team,

liebe Frau Hesse,

lieber Herr Dr. Kahlisch ,

lieber Herr Ott,

dear Mr. Ed Rogers,

ich glaube es ist nicht vielen in diesem Raum bekannt: Aber ich habe einen besonderen Bezug zum Thema Literatur. Meine Abschlussarbeit in der Germanistik an der Ludwig-Maximilians-Universität habe ich zum Themenbereich „Hörbuch“ verfasst.

So sind mir die unterschiedlichen literarischen Formen also durchaus vertraut.

An oberster Stelle steht für mich heute das Ziel, das uns alle vereint:

Wir wollen Bücher aller Gattungen, in unterschiedlicher technischer Form in die Häuser der Menschen, in die Züge, das Flugzeug, die Universitäten und Schulen, in die Büros und an den Strand bringen.

 

Ein Hörbuch hat hier eine andere Qualität als eine Text to Speech-Ausgabe über den eBook-Reader oder eben auch eine Braille-Ausgabe.

Jede Darstellungsform ist für andere Anlässe geeignet, jeder Mensch, egal ob blind oder sehend, hat eine andere Vorliebe.

Wichtig ist in meinen Augen, dass der blinde Leser, die blinde Leserin selber entscheiden kann, in welcher Art und Weise er/sie einen Text lesen möchte.

Ich freue mich, dass Sie sich diesem Thema angenommen haben. Denn auch ich schätze Bücher sehr, als Hörbuch, als eBook oder als Braille-Ausgabe.

Wir sind ja hier auf der Buchmesse, und bei Barrierefreiheit im Buchbereich gibt es seit diesem Sommer ja tatsächlich für Verlage ein paar wichtige Neuerungen.

Und zwar wird der lange erwartete Beitritt der EU zum Vertrag von Marrakesch endlich Realität.

 

Der Vertrag von Marrakesch regelt den Zugang blinder und sehbehinderter Personen zu veröffentlichten Werken.

Und der heißt so, weil die Weltorganisation für geistiges Eigentum im Juni 2013 in Marrakesch diesen internationalen Urheberrechtsvertrag verabschiedet hat.

 

Blinde und Sehbehinderte stoßen nämlich noch immer auf viele Hindernisse beim Zugang zu Büchern und anderem gedruckten Material. Das hat natürlich vor allem genau mit Urheberrecht zu tun, das ist ja zu Recht ein sehr hohes Schutzgut.

Auf internationaler Ebene hat man aber zum Glück erkannt, dass mehr Werke und sonstige Schutzgegenstände in barrierefrei zugänglichen Formaten zur Verfügung gestellt werden müssen – in Braille-Schrift, als Hörbücher oder in Großdruck oder als eBooks, die für Blinde nutzbar sind.

 

Und mit dem Vertrag von Marrakesch wird eine neue verbindliche Ausnahme vom Urheberrecht in das EU-Recht aufgenommen. Die begünstigten Personen und Organisationen dürfen somit Kopien von Werken in zugänglichen Formaten anfertigen und sie in der EU sowie in Drittländern, die Vertragsparteien des Vertrags sind, verbreiten.

Das ist wichtig, denn es sichert über 30 Millionen sehbehinderten Menschen in der EU ein grundlegendes Menschenrecht und verbessert gleichzeitig die Verfügbarkeit von Büchern in Entwicklungsländern.

Die ganze Sache wird von der Bundesregierung demnächst in nationales Recht umgesetzt. Ich hoffe, dass im Rahmen dieses Umsetzungsprozesses deutliche Verbesserungen für blinde und sehbehinderte sowie anderweitig lesebehinderte Menschen erreicht werden können. Wichtig ist dabei insbesondere, dass deutlich mehr veröffentlichte Werke barrierefrei zugänglich sein werden. Dabei darf insbesondere das nationale Urheberrecht nicht dazu führen, dass die Herstellung von barrierefreien Fassungen veröffentlichter Werke erschwert wird. Das ist derzeit leider der Fall, da die Blindenbüchereien für das Herstellen und Verleihen von barrierefreien Werken Vergütungen an die Rechteinhaber zahlen müssen.

Ich wünsche mir, dass die Verlage bereits bei der Herstellung der Werke das Thema Barrierefreiheit mitdenken und so für eine einfachere Zugänglichkeit für blinde und sehbehinderte Menschen sorgen. Die Verlage sollten also bald ein paar Hausaufgaben machen, wie sie das bei sich in den Workflows mitdenken.

Sie kennen vielleicht Braille – die Schrift, die mittels des Tastsinnes gelesen werden kann. Man nennt Braille deswegen eine „taktile Schrift“. Ihren Namen verdankt diese Schrift übrigens ihrem Erfinder, dem Franzosen Louis Braille. Er hat von 1809-1852 gelebt und hat sein Augenlicht als kleines Kind verloren. Für Sehbehinderte und Blinde ist die Fähigkeit, Brailleschrift zu lesen, genauso wichtig für ein selbstbestimmtes Leben wie für sehende Menschen das „normale“ Lesen und Schreiben.

 

So wie Sie mit 6 Jahren lesen und schreiben gelernt haben, so habe auch ich dies mithilfe der Braille-Schrift in der ersten Klasse erlernt.

 

Braille zu beherrschen ist für Blinde definitiv wichtig, allein damit beispielsweise die Beschriftung auf einer Medikamentenpackung gelesen werden kann.

Leider sinkt die Zahl derer, die Braille lesen können, immer mehr.

Alexa, Siri und andere tolle Innovationen beweisen, dass die Digitalisierung ein echter Mehrwert für uns alle ist. Jedoch ersetzen sie nicht die taktile Schrift, denn durch sie kann ich heute meine Notizen am Rednerpult lesen.

Ich muss also als blinder Mensch dafür sorgen, dass ich Braille beherrsche, damit ich selber entscheiden kann, wann und wo ich etwas lesen will.

Aber selbst wenn ich gut in Braille bin, kommt schon das nächste Problem auf mich zu:

Dank der Bibliotheken für Blinde gibt es natürlich Bücher in Braille. Diese werden in einem aufwändigen Verfahren in Braille übertragen. Klassiker haben das Glück, übertragen zu werden. Aber bei zeitgenössischer Literatur oder bei Fachbüchern ist die Wahrscheinlichkeit gering.

 

 

Von den knapp 90.000 jährlich in Deutschland erscheinenden Büchern werden nur rund 500 in die Punktschrift übertragen.

Ich glaube, diese Zahl muss man erstmal sacken lassen.

Die gedruckten Bücher sind übrigens auch nicht gerade Taschenbuchformat, wie Sie sich vorstellen können – die kann man dann ausleihen. Das Ausleihen läuft ausschließlich über den Postweg. Man hat dann als Ausleiher Zeit, um die Bücher in Ruhe durchzuarbeiten. Das heißt aber auch: Wenn jemand den Thomas Mann vor mir ausgeliehen hat, muss ich mich in Geduld üben.

OK, es gibt aber natürlich auch schon seit den 70er Jahren elektronische Hilfsmittel, die man an den Computer oder Laptop anschließen kann und die einem in Braille abbilden, was auf dem Bildschirm zu lesen ist. Natürlich arbeite auch ich mit Braille-Zeilen an meinen Endgeräten.

Aber diese Hilfsmittel sind teuer! Und längst nicht jeder kann sich eine leisten.

Und obwohl die Digitalisierung alle Lebensbereiche flutet, gab es im Bereich Braille lange keine bemerkenswerte Innovation.

 

Vor diesem Hintergrund ist die Jury des Deutschen eBook Awards nach Prüfung des Bewerberfeldes zu einem einstimmigen Votum gelangt:

 

 

Der Gewinner des Sonderpreises für Barrierefreiheit im digitalen Literaturraum ist das britische Unternehmen Bristol Braille Technology mit ihrem Produkt „Canute“!

Der Canute ist nach langer Entwicklungsphase nun der weltweit erste eReader, der mit 9 Zeilen a 40 Zeichen Texte in aktualisierbare Braille-Schrift abbildet – also praktisch eine ganze Buchseite!

Im Vergleich zu anderen Braille-Zeilen, die wie gesagt jeweils lediglich eine einzelne Zeile abbilden, ist er damit einzigartig.

Das bedeutet: Der Canute bildet alle Texte ab, die zuvor elektronisch in Braille konvertiert wurden.

Wie das technisch geht, das erklärt uns gleich der Preisträger!

 

Ich konnte den Canute vor der Veranstaltung in die Hand nehmen – das ist schon ein tolles Gefühl – ein eReader, der unendlich viele Bücher gespeichert hat, die ich lesen kann, wann und wo ich möchte!

Jeder, der eBooks in Braille-Schrift möchte, gehört zur Zielgruppe des Canute.

Der Canute kann aber auch an öffentlichen Orten, bei denen eine Aktualisierung der Informationen wichtig ist, eingesetzt werden – Büchereien, Theater, Bus- und Bahnstationen, etc.

Er wurde für und maßgeblich mit dem Feedback von blinden Menschen entwickelt. Sie waren es auch, die den Prototyp in Holzhaptik ausdrücklich befürwortet haben.

Wenn der Prototyp in Serie geht, dann ist der Canute batteriebetrieben und portabel – praktisch der Kindle oder der Tolino Reader für Blinde und Sehbehinderte!

Meine sehr verehrten Damen und Herren, heißen Sie mit mir zusammen den Gewinner des Sonderpreises für Barrierefreiheit im digitalen Literaturraum willkommen, der trotz kaum verheilter Blinddarm-OP zu uns nach Deutschland  gekommen ist:  Mr. Ed Rogers!