Gästeblog | Heiko Kunert – Wie lesen blinde Menschen?

Wie lesen blinde Menschen?

Heiko Kunert, (Mitglied der Experten-Kommission des Deutschen eBook Awards zum Sonderpreis für Barrierefreiheit), über sperrige Braille-Bände, gekürzte Hörbücher und digitale Barrieren

 

Braille-Buch in großen FormatBücher in Blindenschrift sind ein sperriges Gut. Wenn der Postbote mir einen Thomas-Mann-Klassiker anliefert, hat er schon mal fünf Versand-Koffer mit neun schweren, großen Bänden dabei. Die Bücher erhalte ich aus speziellen Büchereien für blinde Menschen. Sie sind u.A. in Marburg, Leipzig und Zürich. Das Ausleihen läuft ausschließlich über den Postweg.

Während bei Thomas Mann die Chancen noch hoch sind, dass es die Werke in Braille gibt, sinkt die Wahrscheinlichkeit bei zeitgenössischer Literatur, bei Fachbüchern tendiert sie gegen null. Von den knapp 90.000 jährlich in Deutschland erscheinenden Büchern werden nur rund 500 in die von Louis Braille erfundene Punktschrift übertragen.

Hörbücher können eine Alternative sein. Auch hier gibt es Büchereien, die blinden und sehbehinderten Menschen Literatur anbieten (im DAISY-Format auf CD oder im Download). DAISY-Geräte oder -Software ermöglichen es dem Nutzer, in Büchern zu navigieren – von Seite zu Seite; Kapitel zu Kapitel, Ebene zu Ebene. Wenn ich mich daran erinnere, wie viel Zeit ich mit Spulen von Cassetten während meines Studiums verbracht hab, ist DAISY ein großer Fortschritt. Neben den Hörbüchereien ermöglicht auch der Hörbuch-Boom den Zugang zu aktueller Literatur. Der Haken: Häufig erscheinen – anders als in den Blindenhörbüchereien – die Werke nur gekürzt.

Und nicht zuletzt können eBooks für blinde Menschen einen Zugang schaffen. Über synthetische Sprachausgaben am Rechner, Tablet oder Smartphone können diese angehört werden. Sie können aber auch mit einer Braillezeile – einem Gerät, das den Bildschirminhalt zeilenweise in Blindenschrift ausgibt – gelesen werden. Zum Beispiel ist die Kindle-App für iPhone barrierefrei. Mit ihr kann ich das Hamburger Abendblatt oder die Süddeutsche Zeitung lesen. Das ist bemerkenswert, weil Tageszeitungen bis vor wenigen Jahren für blinde Menschen weitgehend unzugänglich waren. Insgesamt bietet die Digitalisierung das Potenzial, alle Texte zugänglich zu machen. Nur leider fehlt es häufig an barrierefrei erstellten eBooks, Apps oder Websites in denen vernünftig navigiert werden kann und in denen Grafiken über aussagekräftige Alternativtexte verfügen.

Erfreulich ist, dass der Deutsche eBook Award sich in diesem Jahr mit seinem Sonderpreis des Themas annimmt und die Branche auf das Potenzial von Barrierefreiheit im digitalen Literaturraum aufmerksam macht. Ich wünsche Vedat Demirdöven, Christina Schnelker, dem ganzen eBook-Award-Team und den blinden und sehbehinderten Menschen in Deutschland, dass die Verleihung viel Resonanz erfährt.
Zur Person:

Heiko Kuhnert in seinem Büro der BSVH, liest am Schreibtisch
Heiko Kuhnert, Credit: BSVH

Heiko Kunert (41) ist Geschäftsführer des Blinden- und Sehbehindertenvereins Hamburg. Er ist u.A. in den Vorständen der Hamburger Landesarbeitsgemeinschaft für behinderte Menschen, der Stiftung Centralbibliothek für Blinde und der Norddeutschen Blindenhörbücherei. Zudem arbeitet er als freier Journalist. Er bloggt auf heikos.blog.